Gravity 2012 – eine Auslegeordnung

Zur Zeit laufen im Web die Drähte heiss, was die kommende Rennsaison angeht: Bis jetzt ist noch nicht klar, ob und von wem es LIVE-Streams der Worldcup-Rennen geben wird. Und auch in Sachen neuer Rennserien geht die Gerüchteküche hoch. Wie felsig ist der Weg, auf den die UCI den Bikesport schickt? Frontline Magazine hat mit den massgeblichen Exponenten gesprochen und wagt eine Auslegeordnung.

Im September sorgte der Weltradsport-Verband UCI mehrmals für Kopfschütteln in der Gravity-Szene: Zuerst verkündete man am Rande der Weltmeisterschaften in Champéry einen Dreijahres-Vertrag mit einem bisher weitgehend unbekannten, aus Belgien operierenden Web-Portal namens Rocky Roads. Die Selbstbeschreibung als „Europas wichtigstes Web-Portal für Biker“ und besonders die Zugriffszahlen, welche die Betreiber dieses Portals für sich reklamierten, sorgten unter Insidern für eine Mischung aus Unglauben und Belustigung. Als ruchbar wurde, dass der Betreiber des Portals sich bemüht hatte, die Zugriffszahlen mit fragwürdigen Methoden zu frisieren (detailliert im Ridemonkey-Forum nachzulesen), schlugen Unglauben und Belustigung in Ärger um.  Dies besonders bei Anhängern der Gravity-Disziplinen, denn der Inhalt von Rocky Roads ist zumindest bis dato doch sehr lycra- und ausdauerlastig.

Gegen Entzugserscheinungen: Eine geballte Ladung Warner.

Ebenfalls am Rande der Weltmeisterschaften von Champéry wurde deutlich, dass die Chemie zwischen UCI und Freecaster nicht mehr stimmt: Die UCI verlangte von Freecaster im Rahmen eines neuen Vertrages rund drei Mal mehr Geld für die Übertragungsrechte. Weil die LIVE-Streams von den Worldcups laut Freecaster-Chef Raymond Dulieu schon bisher ein Verlustgeschäft waren, verzichtete Freecaster darauf, einen neuen Vertrag mit deutlich höheren Tarifen zu unterzeichnen. Damit ist im Moment unklar, ob und vom es 2012 LIVE-Bilder von den Rennen des Mountainbike-Worldcups geben wird.

Entscheidungen zum Schaden des Sports
Schon im Verlauf der Saison hatte die UCI mit Restriktionen für Filmer für Ärger gesorgt: So durften bei den Rennen des 4Cross-Worldcups gar keine Videos mit Ausnahme der offiziellen Bilder gedreht werden – was die Sichtbarkeit dieser Disziplin im Web markant reduzierte – und damit den in dieser Disziplin ohnehin nicht auf Rosen gebetteten Fahrern weniger Argumente liess in Verhandlungen mit potentiellen Teams oder Sponsoren. Dass die UCI Ende September dann mit einem Federstrich den 4Cross ganz aus dem Worldcup-Programm für 2012 strich, ist vor diesem Hintergrund nur konsequent.

Die Art, wie dieser Entscheid gefällt und im Vorfeld nicht einmal mit Teams und Fahrern abgesprochen wurde, hinterlässt mehr als einen schalen Beigeschmack. Und die Begründung der UCI, wonach 4Cross-Strecken einen unverhätnismässigen Schaden an der Umwelt anrichten, ist schlicht lachhaft. So weit, so schlecht. Aber wie geht es nun weiter? Im 4Cross hat die „Fourcross Alliance“ um Chris Roberts und Scott Beaumont auf die Streichung des Worldcups reagiert. Und in einem Statement angekündigt, dass man die „Schwalbe European Fourcross Series“ für 2012 nochmals deutlich ausbauen wolle. Noch offen ist, ob ein weiterer Titelsponsor hinzu stösst und wie viele Rennen 2012 zu dieser Serie gehören werden. Eile ist geboten, denn eigentlich wäre dieser Ausbau-Schritt seitens der Organisatoren erst für 2013 geplant gewesen.

Fragezeichen und die Suche nach Alternativen
Weil die LIVE-Übertragung der Rennen des Downhill-Worldcups im Moment noch nicht gesichert ist, hat auch Freecaster-Chef Raymond Dulieu nach Alternativen gesucht. Und in einem Interview mit mtb-news.de eine neue „DH1“-Rennserie angekündigt, die sich stark an den Bedürfnissen der LIVE-Berichterstattung orientiert und von Freecaster und Nissan getragen wird. Das heisst: Nur 30 statt 80 Fahrer starten im Finale vom Sonntag. Dafür mit einem so grossen Startintervall, dass Freecaster komplette Abfahrten zeigen kann. Von den 30 Startern im Finale sollen 20 gesetzte Profis sein – und 10 Amateure, die sich am Tag zuvor für eine Teilnahme am grossen Finale empfehlen können.


So faszinierend die Idee der „DH1“-Rennserie auf Anhieb klingt: Raymond Dulieu steht bei der Realisierung vor einigen Herausforderungen. Allen voran ist es der knapp bemessene, zeitliche Rahmen, der Sorgen bereitet: Potentielle Sponsoren wollen Garantien, dass auch tatsächlich die stärksten Fahrer am Start der „DH1“-Rennen stehen werden. Die Teams ihrerseits wollen Garantien in Sachen Preisgeldern und medialer Abdeckung, bevor sie ihre Teilnahme zusichern, und die Austragungsorte wollen starke Startfelder und eine gute mediale Abdeckung. Zudem erweist sich die Festsetzung der Daten der neuen Rennserie angesichts eines schon ziemlich vollen Terminkalenders als ein Minenfeld, in dem man rasch jemandem auf die Zehen steigt.

Vollster Rennkalender seit langem?
Prompt sorgten auch die Organisatoren der „DH1“-Rennserie für Irritationen, weil sie zwar von Anfang an jede Terminkollision mit dem UCI-Worldcup vermieden, dafür ihren Rennkalender aber erst in einer zweiten Version auf den „iXS European Downhill Cup“ abstimmten. Dies wurde damit begründet, dass der Kalender schon dicht gedrängt sei und die iXS-Serie sich eher an Amateure richte – ein Sicht, die von iXS und Racement kaum geteilt werden dürfte. Immerhin hat Raymond Dulieu inzwischen in einem Interview mit Dirt UK betont, dass er grossen Respekt vor der Leistung der Organisatoren des „iXS European Downhill Cup“ habe und auch bezüglich dieser Rennserie Terminüberschneidungen so weit wie möglich vermeiden wolle.  

Das bedeutet: 2012 bekommen Bike-Fans einen so vollen Terminkalender vorgesetzt wie selten zuvor – nicht zuletzt, weil die Olympischen Spiele von London einen starken Einfluss auf die Termine des Crosscountry-Worldcups haben. Entsprechend sind die sieben Rennen der Ausdauerfraktion schon Ende Juli im Kasten, während die Downhiller ihr Worldcup-Finale erst Mitte September im norwegischen Hafjell feiern. Angesichts des gedrängten Programms ist es den Organisatoren des „iXS European Downhill Cup“ hoch anzurechnen, dass sie einen Rennkalender ohne Überschneidung mit dem UCI Worldcup präsentieren. Das heisst aber auch: Für die von Freecaster und Nissan angekündigte „DH1“-Rennserie bleiben nicht mehr irrsinnig viele Wochenenden übrig. Die Teams sehen sich im Falle von Terminkollisionen gezwungen, unangenehme Entscheidungen zu treffen. Das gleiche gilt auch für Medienschaffende, die nicht an zwei Orten zugleich sein können.    

Wie weiter, liebe UCI?
Dass es 2012 faktisch zwei Worldcup-Finale gibt, ist eine bedauerliche Konsequenz der nicht immer gradlinig wirkenden UCI-Planerei. Dazu passt, dass auch die Weltmeisterschaften an verschiedenen Wochenenden und verschiedenen Orten statt finden – Downhill und 4Cross in Leogang, Crosscountry in Saalfelden. Fast hat es den Anschein, dass die UCI die Ausdauer- und die Gravity-Disziplinen schrittweise voneinander trennen will. Fragwürdig erscheint zudem, dass Frankreich gleich mit zwei Worldcup-Terminen (La Bresse und Val d’Isère) zum Zug kommt, während die beim Publikum beliebten Rennen in Offenburg und Dalby Forest nicht mehr im Kalender auftauchen. Dazu kommt die von der UCI durch die Erhöhung der Tarife für die Senderechte um den Faktor Drei selbst verursachte Unsicherheit bezüglich der Frage, ob und von wem die Rennen des Worldcups übertragen werden.

Es bleibt abzuwarten, ob der von der UCI eingeschlagene Weg zum Erfolg führt oder ob er sich für den Bikesport und insbesondere für die Gravity-Disziplinen als eine Rocky Road erweisen wird, die kein zügiges Vorankommen erlaubt. Die nächsten Wochen und Monate werden zeigen, wohin die Reise geht.


Die Gravity-Termine 2012 – so weit bekannt:

UCI MTB Worldcup 2012
17. – 18. März 2012: Lauf 1 CC, Lauf 1 DH @Pietermaritzburg, RSA
14. – 15. April 2012: Lauf 2 CC, Lauf 1 CC Eliminator @Houffalize, BEL
12. – 13. Mai 2012: Lauf 3 CC, Lauf 2 CC Eliminator @Nove Mesto na Morave, CZE
19. – 20. Mai 2012: Lauf 4 CC, Lauf 3 CC Eliminator @La Bresse, FRA
2. – 3. Juni 2012: Lauf 2 DH @ Val di Sole, ITA
9. – 10. Juni 2012: Lauf 3 DH @ Fort William, SCO
23. – 24. Juni 2012: Lauf 5 CC, Lauf 4 DH @Mont Sainte-Anne, CAN
30. Juni – 1. Juli 2012: Lauf 6 CC, Lauf 5 DH @Windham, USA
28. – 29. Juli 2012: Lauf 7 CC, Lauf 6 DH @Val d’Isère, FRA
15. – 16. September 2012: Lauf 7 DH @Hafjell, NOR

UCI MTB Weltmeisterschaften
31. August – 2. September 2012: WM DH, WM 4Cross @Leogang, AUT
6. September – 9. September 2012: WM CC, WM CC Eliminator @Saalfelden, AUT

iXS European Downhill Cup 2012 – die Termine und Orte
28. – 29. April 2012: Lauf 1 @Monte Tamaro, SUI
26. – 27. Mai 2012: Lauf 2 @Leogang, AUT
16. – 17. Juni 2012: Lauf 3 @Innerleithen, GBR
4. – 5. August 2012: Lauf 4 @Pila, ITA
11. – 12. August 2012: Lauf 5 @Špičák, CZE
8. – 9. September 2012: Lauf 6 @Châtel, FRA
22. – 23. September 2012: Lauf 7/Finale @Todtnau, GER

2 Antworten zu Gravity 2012 – eine Auslegeordnung

  1. simon 1wheel sagt:

    danke für den artikel – bin gespannt, wie es weiter geht.

  2. Bont sagt:

    haha über diese Besucherzahlen von Rocky Roads kann ich nur lachen. TÄGLICH 1 Mio Seitenaufrufe NUR aus der Schweiz auf eine ENGLISCHE Seite mit NULL Inhalt… Wer s glaubt 😉

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