Nach Unfall im Hammerpark: Bundesgericht stuft Dirt Jump als Hochrisikosportart ein!

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Ein Bundesgerichtsentscheid setzt Dirt Jumpen auf eine Stufe mit Sportarten wie Base Jumpen, Boxwettkämpfe oder Tauchen in Extremen Tiefen. Sie gelten quasi als unkontrollierbares Risiko und bewirken im Falle eines Unfalls die Kürzung oder Streichung des Taggelds.
Das erste, aus unserer Sicht, völlig korrekte und fachmännische Urteil des Kantonsgerichts Luzern, wurde vom Bundesgericht mit einer grossen Portion Unwissenheit umgestossen. Mit einer für Szenenkenner gerade zu absurden Argumentation und einer beinahe weltfremden Abgrenzung zu anderen Sportarten die sich ebenfalls in der Grauzone zum Risikosport bewegen.

Wer bisher in der Natur, im Bikepark, im Skatepark, Pumptrack oder auf Dirtjumps sich der schönsten aller Beschäftigungen widmete, brauchte sich nebst Helm und Schonern nicht gross um zusätzlichen Schutz zu bemühen. Wer nicht ein völlig absurdes Risiko über seinen Fähigkeiten einging, der hatte kaum Probleme mit Versicherungsleistungen. Lange Zeit half sicher auch der Bonus, dass die Justiz und Co. keine Ahnung hatte, was den ein Dirtjump von einer Downhillstrecke unterscheidet und ein Mountainbiker halt einfach ein Velofahrer mit etwas dickeren Rädern war.

 

Die Krankenhauskosten sind nach wie vor gedeckt

Wer im Krankenhaus landet der braucht zwar nicht zu befürchten, dass er auf zehntausenden von Franken Krankenhausrechnung sitzen bleibt. Der kleine Schock folgt erst danach: Wer nach dem Unfall erst mal eine Genesungsphase benötigt, der muss mit Taggeldkürzungen oder gar der Streichung rechnen. Abhilfe schafft da nur, sich nebst der obligatorischen SUVA Versicherung eine Zusatzversicherung zu leisten (oder eine UCI Lizenz).

 

Sind direkte Auswirkung zu befürchten?

Lediglich Downhill Rennen und das dazugehörende Training wurde bisher als sogenanntes absolutes Wagnis eingestuft. Nun folgt mit Dirt Jump eine zweite Unterkategorie des Bikens in diesen Pot des Hochrisikosports. Fraglich bleibt im Moment ob dieses Urteil irgendwelche Auswirkungen auf die zahlreichen öffentlichen, halb öffentlichen und durch Vereine geführt Anlagen hat. Sicher ist aber wohl das nun noch ein Stein mehr im Weg liegt, bei der Realisierung eines Dirt Jump Anlage.

 

Das Bundesgericht hält dann auch fest: 

schweizerisches-bundesgericht-logo„Dieses Gefährdungspotenzial lässt sich nur auf ein vernünftiges Mass reduzieren, wenn die vorgegebenen künstlichen Hindernisse und Schanzen eine minimale Höhe nicht überschreiten und daher gefährliche Jumps  gar nicht durchgeführt werden können.“

 

 

Der kleine aber feine Unterschied hin zum Risiko Sport 

Juristen reden bei Unterscheidung von Risikosportarten von absoluten und relativen Wagnissen.

  • Absolutes Wagnis: Ein Sport ist eine Risikosportart und stellt in jedem Fall eine Gefahr dar. Das heisst man geht davon aus, dass auch ein erfahrener Dirtjumper auch unter perfekten Bedingungen sein Sportgerät niemals soweit unter Kontrolle hat, dass er das Risiko auf ein vernünftiges Mass reduzieren könnte.
  • Relatives Wagnis: Relative Wagnisse hängen eigentlich nur von der Person ab und können dementsprechend bei jeder Sportart ausgemacht werden. Ein relatives Wagnis geht ein, wer auf allgemein akzeptierte Sicherheitsstandards wie Helm verzichtet, betrunken Biken geht, bei extrem schlechten Bedingungen biken geht oder offensichtlich extrem über seinen Verhältnissen fährt. Also ein Unfall der eigentlich hätte verhindert werden können.

 

Zum konkreten Fall

Am 15. Februar 2014 stürzte ein Luzerner Strassenbauer beim „Dirt-Biken“ im Lenzburger Hammerpark und zog sich einen Knochenbruch am linken Handgelenk zu. Die SUVA erbrachte die gesetzlichen Leistungen (Heilkosten), kürzte jedoch das Taggeld um 50 Prozent mit der Begründung, der Unfall sei auf ein Wagnis zurückzuführen.

 

Der Bauarbeiter zog vor das Kantonsgericht Luzern, welches die Kürzung als Unrecht erachtete.

„…da der Biker alle Vorsichtsmassnahmen getroffen hatte, sich an die Parkregeln gehalten und die Schutzausrüstung getragen hatte. Der Biker betreibe das Dirt-Biken nicht renn-, sondern hobbymässig…

Solange ein noch vertretbarer Schwierigkeitsgrad eingehalten und der Sport nicht wettkampfmässig betrieben werde, liege in der Regel kein absolutes Wagnis vor. Das Dirt-Biken lasse sich etwa mit dem Rollbrettfahren oder mit Snowboardabfahrten vergleichen. Werde es lediglich hobbymässig und ohne Forcieren besonderer akrobatischer Einlagen ausgeübt, könne nicht gesagt werden, es sei mit grossen Gefahren für Leib und Leben verbunden. Das Verletzungsrisiko könne durch die Benutzung entsprechender eigens dafür vorgesehener Anlagen, das Tragen einer Schutzkleidung und das Wählen einer angemessenen Geschwindigkeit bzw. eines Schwierigkeitsgrades, der den eigenen Fähigkeiten entspricht, begrenzt werden. So würden beim Befahren einer Halfpipe mit dem Snowboard ebenfalls teils akrobatische Sprünge ausgeführt, welche ein erhöhtes Sturzrisiko beinhalten. Dieses erhöhte Gefahrenpotenzial nehme aber noch kein Ausmass an, dass deswegen solchen Tätigkeiten kein schützenswerter Charakter mehr zuerkannt werden könne. Ein absolutes Wagnis liege daher nicht vor.
Ein relatives Wagnis falle ausser Betracht, da dem Versicherten nicht vorgehalten werde, die nötigen Sicherheitsmassnahmen nicht getroffen zu haben.“

 

Frontlinemag beurteilt diesen Entscheid als ein absolutes angemessenes, differenziertes und auch der Realität entsprechendes Urteil. Man möchte schon beinahe wieder sein Vertrauen in die Justiz zurückgewinnen, da es doch den Anschein erweckt, als hätte sich für einmal doch tatsächlich jemand mit der Materie befasst.
Bundesgericht

Bundesgericht

Anders sah das allerdings die SUVA und das Bundesgericht, welches abschliessend entscheidete:

 

„Auch beim hobbymässigen Betreiben dieser Sportart gehe es eben gerade darum, möglichst spektakuläre Sprünge und Tricks auszuführen. Die Verwendung eines Velos bei dieser Sportart erhöhe das Verletzungsrisiko zusätzlich, da die Metallteile des Fahrzeuges bei Stürzen zu schweren Verletzungen etwa an den Fingern oder im Gesicht führen können. In dieser Hinsicht sei die Sportart mit dem Snowboarden nicht zu vergleichen. Gefährliche Sprünge mit einem Velo in der Luft würden lediglich von einer kleinen Anzahl Personen praktiziert, weshalb auch nicht gesagt werden könne, durch die Qualifizierung der Sportart als absolutes Wagnis würde einer breiten Bevölkerung der Versicherungsschutz entzogen.“

 

Eine Begründung die gerade zu vor Unwissenheit und Ignoranz strotz

 

Wer die lange Begründung des Bundesgerichts nachlesen möchte kann das hier tun.
Kurz gesagt wird Dirt Jumpen aber als Risikosportart eingestuft, weil auch hier (wie doch bei eigentlich jeder Sportart?!) der Gedanke „schneller, höher, weiter, schwieriger“ verfolgt wird (und dies sogar noch extremer als in einer Snowboard Halfpipe) was zu einem nicht vertretbaren Gefährdungspotenzial führt.
Insbesondere aber eine entscheidende Teilbegründung die das Bundesgericht äussert, lässt auch schon einen unerfahrenen Biker grübeln. Sie ist zumindest diskutabel, wenn nicht sogar völlig deplatziert.

 

„Die Vorinstanz hat das Dirt-Biken insbesondere mit dem Snowboarden und dem Befahren einer Halfpipe verglichen. Auch dort gehe es darum, hoch zu springen und entsprechende Tricks zu zeigen. Dem ist entgegenzuhalten, dass ein verunglückter Sprung in einer Halfpipe in der Regel an der steilen Stelle der Pipe endet und daher glimpflicher verläuft als beim Dirt-Jump. Zudem macht die SUVA zu Recht geltend, dass sich der Biker durch die Metallteile seines Bikes selber zusätzlich gefährdet.“
Links: Keine Risikosportart Rechts: Hochrisikosportart. Finde den Unterschied

Links: Keine Risikosportart.
Rechts: Hochrisikosportart.
Finde den Unterschied

Jeder der schon mal einen fachmännisch gebauten Sprung aus der Nähe betrachtet hat, wird merken, dass genau gleich wie bei einer Halfpipe, auch der Biker in einer steilen Landung landet. Man könnte sogar noch behaupten, die Wahrscheinlichkeit als Dirtjumper im Flachen zu landen ist noch um einiges geringer, da einerseits Stürze auf das Coping oder den Table eher selten sind (aufgrund der Vorwärtsbewegung) und auch die Landung bei weitem nicht so schnell überflogen werden kann, da Landung zwar steil, aber nicht senkrecht, wie bei einer Halfpipe sind.
Das das Bike zusätzlich Verletzungsfolgen mit sich ziehen kann, stimmt natürlich. Aber auch hier hinkt der Vergleich zum Snowboard (oder Skifahren in der Halfpipe). Auch hier gibts messerscharfe Kanten, Skistöcke und ein Gerät das fest mit dem Körper verbunden ist und eigentlich die ganze Sache noch viel gefährlicher macht, als ein Bike das man im Notfall einfach wegstossen kann.

 

Natürlich möchten wir an dieser Stelle nicht gegen andere Freestylesportarten schiessen und sind der Meinung, dass diese ebenso zu den Nicht Risikosportarten gehören, solange man den Sport mit gesundem Menschenverstand angeht. Genauso wie es beim Dirt Jumpen eigentlich auch sein sollte.

 

Weiterführende Artikel:

Versicherungsschutz beim Downhillfahren

Vollkasko fürs Mountainbike

Diskussion im Forum

3 Antworten zu Nach Unfall im Hammerpark: Bundesgericht stuft Dirt Jump als Hochrisikosportart ein!

  1. roger henzen sagt:

    habe mir letztes jahr in kirchberg am endurorennen das schlüsselbein gebrochen, und obwohl laut dem östereichischen radverband enduro unter cc läuft, hat meine versicherung „helsana“ das taggeld um 50% gekürzt. begründung, mehr runter gafahren statt rauf, gilt als downhill. und obwol im suva reglement klar steht downhill auf downhill strecke bakam die versicherung recht.
    Gruss roger

    • Lenny maag sagt:

      Ich bin auch biker und bin selber noch nie gestürzt,aber ich finde:
      1. rennen sind unnötig und
      2.bikehalle ist besser un
      3.jedes mal probieren kleine fortschritte zu machen.

  2. Andreas Tschanz sagt:

    Danke FL/Philipp für den super Artikel zu einem traurigen Thema. Leider versucht die Suva (und andere Versicherungen) auch weitere Bereiche (ausser DH RACE) des Bikesports als Risikosport/erhöhtes Wagnis hinzustellen. Ich habe mir bei einem 6Tages Endurorennen (20000hm abwärts, 5000Hm bergauf) das Kreuzband gerissen, auch hier (wie bei Vorposter Roger) Kürzung des Taggeldes um 50% von Seiten Suva. Ich bin momentan noch in Einsprache Verfahren, da ich es eine absolute Frechheit finde, dass biken so verteufelt wird, aber z.B. Alpinskirennen, Ski/SB Freestyle, Fussball… Werde melden wenn ich Resultat habe, seit 3 Monaten höre ich auch auf Nachfrage nichts mehr von Suva…

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